Auf ein Glas – der Blog

Gastrosophie

gasEin Begriff der zwei scheinbare Gegensätze miteinander in Verbindung bringt. Normalerweise versucht man den Verstand stets scharf vom Magen zu trennen, hier zeigen sie ihr Zusammenspiel.

Haben sie schon einmal von Ästhesie gehört? Bekannter ist die andere Seite des Begriffs, die Anästhesie. Wie ein Wein durch seine Aromen die Zunge anregen kann, vermag er sie ebenso zu betäuben. In kleinen Dosierungen verwandelt sich das Betäubende in sein Gegenteil, wird anregend.

So, wie nichts im Verstand ist, was nicht zuvor in den Sinnen war, kann der Geschmack aus der Narkose der Worte geboren werden, können Worte durch eine spezifische Nuancierung einen völlig neuen Sinn generieren.

Die schmeckende und die sprechende Zunge schließen einander aus. Ist das so?

Gastrosophie soll hier als Spielfeld der beiden Zungen verstanden werden. Nicht die Trennung zwischen Geschmack und Verstand soll hier durch Lernformeln unterstrichen, sondern die Synthese aus scheinbar klar unterschiedenen Bereichen unternommen werden. Verstand und Geschmack schließen sich nicht aus, sie bedingen einander, denn erst durch den Geschmack entsteht die Weisheit.

Es geht hier um Text, um Worte. Die schmeckende Zunge soll die sprechende anregen, sie zu neuen Begriffszusammenstellungen bringen. Es geht nicht um die Weisheit oder Klugheit des Essens, sondern um das, was durch das Essen angeregt oder transportiert wird. In diesem Sinne ist Gastrosophie hier dem Essen verpflichtet, allerdings in einem anregenden Sinn.

Es geht um die Verbindung beider Zungen – schreibend.

Wein trinken mit Wiglaf

(mer) Ein Schelm, der Arges dabei denkt, dennoch ist es wahr: Wilglaf Droste der Mann, der in den stillen 90iger Jahren anlässlich einer Ausschreibung des „Viva Maria Preises“ Dieter Bott dafür lobte, dass dieser der lebendige Beweis dafür sei, dass man ein halbes Jahrhundert durchleben könne, ohne seinen Restverstand gegen etwas anderes einzutauschen, wechselt nun selbst in seine persönliche zweite Jahrhunderthälfte.

Geboren am 27. Juni 1961 im sprachlichen Paradoxon Ostwestfalen, wird Droste seine erste Artikelsammlung im Jahr des Zusammenbruchs der DDR herausbringen. Ein direkter Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen ist nicht verbürgt, darf aber dennoch als Anlass für Mutmaßungen herhalten. Das auf den Frühling 1989 datierte Vorwort von „Kommunikaze“ liest sich nicht nur wie ein Abgesang auf die alte Bundesrepublik – schließlich hat gerade Marcel Reich-Ranicki „der letzte große Clown des Gewerbes, seinen Stuhl bei der FAZ frei machen müssen für Frank Schirrmacher, einen dieser magermilchgesichtigen Dutzendfuzzis, die sich im medialen Nullundnichtig-Gewürge breitmachen“ -, sondern stellt auch das Programm des beobachtenden Mannes mit der Schreibmaschine Namens „Torpedo“ für die kommenden Jahrzehnte dar: „So berauschend und erstaunenmachend das Durchstreifen der Alltagswelten auch ist: Manchmal ist es angemessen, sich in eine Ecke zu setzen, den Mund zu halten und sich in ein Buch zu versenken. Bücher sind wunderbar; ich habe nie aufgehört, sie zu lesen, seit sich mir vor zweiundzwanzig Jahren diese Welt mit Karl Mays Unter Geiern eröffnete.“

Aus dem Lesenden wird ein engagiert Schreibender. Einer, der der Gewalt nicht den Vorzug gibt, weil er sie für verkürzten Dialog und damit für effizienter hält, sondern der der Gewalt des Dummsprech mit Sprache begegnen möchte und uns dabei lautmalerische Erfindungen und kluge Einsichten gegen den Mainstreammummpfdumpf geschenkt hat. Selbstredend besteht für einen Menschen, der nicht so sehr an den Misslichkeiten seiner Umwelt, als an den Unverschämtheiten seiner Mitmenschen leidet das Problem der Umgehung der direkten Tat. „Die Hauptklippe beim engagierten Schreiben, die Unmöglichkeit, mit der bloßen Faust in die Tasten zu schlagen, konnte ich nicht umschiffen…“. Der Text wird so zur Waffe, der Name der Schreibmaschine zum Programm.

Mit seinen zahllosen Publikationen hat Droste die literarische Landschaft des vereinigten Deutschlands in den letzten zwanzig Jahren mehr verändert, als der Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin die politische beeinflusst. Seine Invektiven, Polemiken, Glossen und geistreichen Kommentare haben mehr Sprengkraft entwickelt, als fälschlicherweise promovierte Adelige, die kleingeistig lediglich über ihre nicht gesetzten Fußnoten stolperten um noch im Fallen polternd gegen die Welt zu wettern.

Der Kampf gegen Gutmenschen, mehr noch der zusammen mit Gerhard Henschel geschriebene Roman „Der Barbier von Bebra“ wirbelte mehr Staub unter den Vollbärten ostdeutscher Politiker auf, als man ursprünglich vermuten konnte. Ein Blick in die Historie darf an diesem Tag erlaubt sein. Der Spiegel 34/1996 weist darauf hin, dass sich die Bürgerrechtler der DDR vom Vorabdruck dieses Romans derart verfolgt fühlen würden , wie einst die Juden im NS-Staat. Da fasst man sich doch erstaunt etwas oberhalb des rasierten Kinns an die Birne, wenn jemand, dessen Romanfigur von „Hotzenplotzpistolenkugeln zersiebt“ wird im wahren Leben nun Angst davor hat in ein Irreal existierendes KZ gesteckt zu werden, wie der damals von Konrad Weiß nahegelegte Vergleich des Romans mit dem NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“ suggeriert. Natürlich schrie dieser vorab in der taz abgedruckte Roman nach einer Fortsetzung, die durch „Der Mullah von Bullerbü“ von den beiden Autoren vorgelegt wurde. Hier schon als Romaninventar mit von der Partie ist Vincent Klink, der bezeichnender Weise einen Glücksbringer spielt.

Der Kampf des Wortes auf dem Feld der Kulinaristik
Denn Vincent Klink lud Droste einige Zeit vorher in sein Restaurant Wielandshöhe nach Stuttgart ein und wie Droste einmal in der wdr-Reihe Zimmer frei zum Besten gab, wusste er damals nicht, was eigentlich der Grund für die Einladung sei. Doch nachdem er Platz genommen hatte, war er wild entschlossen hier bis zum letzten Pastetchen alles zu verdrücken, was sich ihm auf dem Tisch entgegenstellen sollte.

Mittlerweile geben die zwei Brüder im Geiste die kulinarische Kampfschrift „Häuptling eigener Herd“ seit mehr als 12 Jahren werbefrei heraus. Der Band 46 ist vor einigen Wochen erschienen und auch hier lugt die Planung auf den 50. Band schon um die Ecke.

Damit ist den beiden Autoren eine wunderbare Erfolgsgeschichte in einem Bereich gelungen, den man zuvor fest in der Hand von herkömmlichen Rezeptsammlungen wähnte. Sie haben mit ihrem Programm „Wir schnallen den Gürtel weiter“ den Bereich der Kulinaristik für die Literatur einem interessierten Publikum erst wieder eröffnet. Zusammen mit Nikolaus Heidelbach haben sie mittlerweile auch eine Buchreihe begonnen. Dabei nehmen die Autoren das Diktum Hegels, wonach der Geist ein Knochen sei sehr ernst, auch wenn sie zugleich der Logik des Alphabets widersprechen. Denn ihre Reihe beginnt mit dem Buchstaben “W”. Nach Wurst, Wild, Wein&Weihnachten wendet sich das kulinarische Trio Infernalis nun dem “G” als nächsten Buchstaben zu, den sie literarische und zeichnerisch auskochen werden, bis kein Fleisch mehr am Buchstabenknochen hängt. Das Erscheinen des Bands “Gemüse” ist für den Herbst geplant.

Wiglaf Droste, der Mann, der nach eigenen Angaben zwischen sich und die Welt gerne ein Glas Wein schiebt, um einen genüsslichen Abstand halten zu können, wird sicherlich nichts dagegen haben, wenn man am kommenden Montag anlässlich seines Geburtstages auf seine Gesundheit und natürlich auf die bisher von ihm veröffentlichten Artikel, Magazine und Bücher mit einem Glas Wein anstößt.

Santé!

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